Vernissage 26.07. 2017 – 19.30 Uhr

Laudatio: Matthias Zwarg – Freie Presse Chemnitz

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Laudatio: Matthias Zwarg

 

Zeuge des Verbrechens

Zu den Bildern von Thomas Beurich

So sieht sie aus, die schöne neue Welt: Frauen in edlem Stoff mit Model-Figur. Männer wie aus dem griechischen Mythos. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein – es kann auch ein Diskus sein. Noch das verwahrloseste Gebäude, betriebswirtschaftlicher wie technischer Optimierung zum Opfer gefallen – das sind eben die Kollateralschäden, die man für Wachstum und Fortschritt in Kauf nehmen muss – glänzt golden und leuchtet in den Abendhimmel wie ein „fremder Hund“, der sich´s darin gut gehen lässt, wo es Menschen schon lange nicht mehr gut geht.

Thomas Beurichs Bilder sind nicht zu übersehen. Pop- und abartig leuchten sie, knallen die Farben in unseren trüben „Weiter so, Deutschland“-Alltag. Wir sind die Größten, Besten, Fußballweltmeister, Exportweltmeister, Autobauweltmeister – wir haben so viel Geld, dass wir es nicht ausgeben können, wie die Bundeskanzlerin neulich sagte. Man müsse die Planungswege verkürzen.

Ja, irgendetwas stimmt nicht mit unserer Welt. Aber ob es an der Planung liegt? Wo die Ordnung aufhört, dort fangen Thomas Beurichs Bilder an.

Hier kommt zusammen, was zusammen gehört, aber im wirklichen Leben oft nicht beieinander ist. „Der hat sie nicht alle beisammen“, sagt man über Menschen, die nicht nach der hergebrachten Logik denken – die da heißt: Jeder ist seines Glückes Schmied; jeder ist sich selbst der Nächste; wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht.

Thomas Beurich bringt zusammen, was zusammengehört – wir haben es nur vergessen oder wollen es nicht wahr haben.

Das Geworfensein in ein Meer schmelzender Gletscher und Pole. Statt dem Höher, Schneller, Weiter zu applaudieren, müsste man erst einmal dieses Hexenhaus aus dem Stadion räumen. Ein fremder Hund hat sich in eine bizarre Industrielandschaft verirrt, in der schon lange kein Mensch mehr gebraucht wird, seine Augen funkeln wie die des Hunds von Baskerville. Diese Bilder sind wie Manifeste der Ratlosigkeit – wir haben alles im Überfluss und wissen nichts damit anzufangen, was das Leben wirklich schöner, leichter, mitfühlender, solidarischer, reicher für alle machen würde. Stattdessen stellen wir uns in dieser glitzernden, neuen, kalten Welt zur Schau, als gelte es, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Alles Lebendige wirkt fremd in dieser Welt des industriellen Metalls und bunt gefärbten Kunststoffs. Keine Wärme, keine Nähe – wir kennen alle Bestandteile dieser Bilder und erkennen nichts.

Thomas Beurich ist ein wacher, nicht unbeteiligter Beobachter der Gegenwart – das war er schon in der Vergangenheit, als er unter anderem mit Utz Rachowski zusammengearbeitet hat, der für seine Überzeugung zu DDR-Zeiten im Gefängnis saß.

In diesen Bildern begegnen uns nicht nur Erinnerungen an die Zukunft, sondern auch an die Vergangenheit. Künstler wie Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte schauen verschmitzt aus dem Rahmen, aber auch amerikanische und deutsche Popart starren schockiert in die Farben. Thomas Beurich mischt Elemente der klassischen Moderne mit Zutaten aus der modernen Moderne – Werbe- und Computergrafik, plakative Elemente, Zitate aus der Kunstgeschichte und der Politik, Architektur und Pressefotografie.

 

Berühmt – manche Zwickauer würden vielleicht auch sagen berüchtigt – geworden ist er mit einem Geschenk, das keiner haben wollte. Das ist wie mit der Liebe – geben, was man nicht hat, jemandem, der nichts davon will. Es muss also Liebe sein – Liebe zur Malerei, Liebe zu dieser Welt, die nicht die beste aller möglichen ist, auch wenn sie so aussieht. Thomas Beurich hatte das schöne Zwickau als Ort und Hort der rechtsextremen Terrorzelle gemalt, die dummerweise aus Jena stammte, aber unbehelligt in Zwickau leben konnte. In hellen, freundlichen Farben, in einer hellen, freundlichen, kulturvollen Umgebung konnte sich die Gruppe um Beate Zschäpe in Attentaten und Morden verwirklichen. Es war kein dunkles Hinterhaus, kein verrauchtes Verschwörerzimmer – es war eine schöne, heile Welt, in der die Gruppe agierte und die Thomas Beurich malte. Samt einem Hakenkreuz aus gebrochenen Menschenleben. Aber wer wollte schon in Zwickau ein Hakenkreuz erkennen? War es nicht Zufall, Schicksal, dass die Gruppe gerade hier agierte? Und daran sollen wir uns mit diesem Bild erinnern lassen? Vielleicht ist es Schicksal – aber was ist schon Schicksal? „Man macht auch, was mit einem geschieht. Man macht es, ruft es herbei, lässt nicht los, was geschehen muss. … Sie halten einander fest, der Mensch und
sein Schicksal. Es stimmt nicht, dass das Schicksal heimlich in unser Leben tritt. Nein, das Schicksal tritt durch die Tür herein, die wir ihm öffnen“, hatte der große ungarische Schriftsteller Sandor Marai geschrieben. Und so werden wir dann zum

Zeuge(n) des Verbrechens

Es geschah vor unsern Augen

Doch wir haben nichts gesehn

Später wollt es keiner glauben

Und nicht eine Uhr blieb stehn.

Da war kein Blut, und keine Träne

Hat die Straße still befleckt

Wenn überhaupt, wollt es uns wähnen:

Es war das Ziel und nicht der Weg.

Nirgendwo ein Trümmerhaufen

jeder Stein blieb auf dem andern Stein

Und keiner ist davon gelaufen

Und keiner wollt´s gewesen sein.

Später hörte man uns sagen:

Was wäre, wenn, vielleicht und doch

Wenigstens ein Grund zu klagen

Ein Trotzdem, grade jetzt und noch.

Wir waren Zeuge des Verbrechens

Täter, Opfer, Staatsanwalt

Aber keiner wollt es rächen

Und so blieb die Wunde halt.

Und die Wunde wurde kalt.

Thomas Beurichs Bilder sind nicht das bunte Pflaster auf diesen Wunden – sie sind die Wunden selbst. Sie zu betrachten, ist ein anregendes Vergnügen….

Meerane, 2017

Matthias Zwarg